In allen Städten und Gemeinden kommen immer mehr Asylanten und Kriegsflüchtlinge an. Viele hilfsbereite Menschen, die „Willkommen“ nicht nur sagen, sondern längerfristig engagiert helfen wollen, stoßen landauf, landab auf immer die gleiche Problematik: Wie vermitteln wir möglichst rasch den Neuankömmlingen die Grundbegriffe der deutschen Sprache? Meine Antwort aus Erfahrung: Lesen, lesen, lesen bis der Arzt kommt!

Grundsätzlich ist m.E. im ersten Schritt erst einmal notwendig, den freiwilligen „Lehrern“ das Verständnis zum Erlernen einer Zweitsprache zu vermitteln. Ohne zu wissen, wie das Gehirn eines jeden erwachsenen Menschen in Bezug auf das Erlernen einer anderen Sprache funktioniert, verpufft unnötig nach meiner Einschätzung zu viel Energie.

Erst einmal heißt es „Abschied zu nehmen“ von der eigenen Erfahrung, über Vokabel pauken einer Sprache näher bestmöglich kommen zu können. Stattdessen hilft meist ein Griff in das Bücherregal der eigenen Kinder. Das erste Buch sollte so einfach wie irgend möglich und gut bebildert sein. Am besten eignen sich Vorschulbücher, denn es kommt im ersten Schritt weder auf das Schreiben noch auf das Verstehen an. Allein das gut betonte, langsame Vorlesen und im Weiteren das Nachlesen mit Unterstützung durch gezielte Aussprachekorrektur schwieriger Laute ist das Ziel.

Das Gehirn prägt sich bereits zu dieser Zeit neben den Bildern zum Text aus dem Buch auch die Klangbildern des gelesenen Textes immer mehr ein, und dies bereits in kleinen, einfachen Sätzen. Erst später, wenn der Sinn der gelesenen Texte Stück für Stück durch die natürlichen Fortschritte beim Lernen zu Bewusstsein kommen, verbinden sich auf natürliche Weise bekannte Klangbilder mit Sinnhaftigkeit. Ich weise ausdrücklich darauf hin, der korrekten Aussprache genügend Zeit zu widmen und so lange einzuüben, bis deutsche Texte ohne jedes Verständnis für den Inhalt allein von der Schriftform so perfekt gelesen werden können, als ob die Texte verstanden wurden. Alles, was auf dieses unerschütterliche Fundament aufbaut, wird auf ewig Bestand haben.

Ich habe in Vietnam in Kooperation mit dem Goetheinstitut diesen Weg insbesondere bei einer Vietnamesin konsequent angewendet, die anfangs ein wenig englisch, aber gar kein Wort deutsch sprach geschweige denn verstand. Ich bin mit ihr die diversen Kinderbücher verschiedener Altersgruppen so lange phonetisch durchgegangen, bis sie die Texte einwandfrei lesen, im Zweifel sogar singen konnte. Ihr deutscher Ehemann, der mich gebeten hatte, sie zu unterrichten, beantragte in dieser frühen Phase des Fremdspracherwerbs für seine Frau ein Touristenvisum, weil er ihr einen ersten Eindruck von Deutschland verschaffen wollte. Im Generalkonsulat erläuterte er nebenbei meine Lernmethode. Der Beamte griff hinter sich und holte einen Gesetzestext aus dem Regal, den selbst ein gebürtiger Deutscher inhaltlich kaum verstehen kann und bat um die Probe aufs Exempel. Das Erstaunen war groß, als meine Schülerin ohne auch nur einen Satz zu verstehen, fehlerfrei bei bester Aussprache den ihr in mehrfacher Hinsicht fremden Text vorlas. Nur zwei Jahre später ist sie derzeit dabei, in Deutschland die reguläre allgemeine Hochschulreife zu erlangen, um danach in Karlsruhe zu studieren. Die bisherigen Noten lassen für Deutsch die zweitbest mögliche Benotung im Mai erwarten. Dass der Sprung von Null Deutschkenntnissen bis hin zum Abitur in einem ihr völlig anderen Kultur in so kurzer Zeit gelang, ist m.E. letztlich dem solide angelegten Fundament bei der Konzentration auf die korrekte Aussprache geschuldet.

Ich würde mich freuen, wenn die vielen freiwilligen Helfer, die sich der schweren Aufgabe widmen wollen oder bereits gewidmet haben, die in meiner Praxis gewonnenen Erkenntnisse zur Hilfe nehmen, um die bestmöglichen Ergebnisse bei nicht so hohem Einsatz für die betroffenen Flüchtlingsfamilien zu erzielen. Es wäre schade, wenn auch diese Menschen, wie manche, die ohne hinreichende Sprachlernunterstützung vor Jahrzehnten nach Deutschland kamen, und heute noch nur unter äußerster Konzentration in dem, was sie auf deutsch sagen wollen, von deutschen Landsleuten verstanden werden.

 

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