Neues Bahnhofsgebäude 1957 - Stadtanzeiger genial-nah.de

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Wolfsburg.  Das Institut für Zeitgeschichte stellt mit dem neuen Bahnhofsgebäude 1957 die Archivalie des Monats vor.

Mehr als 15 Jahre nach der Stadtgründung wies Wolfsburg noch erhebliche Rückstände in der Schaffung der Infrastruktur auf. Auf den Weg gebracht waren das Stadtkrankenhaus auf dem Klieversberg und das Rathaus an der Porschestraße. Hinsichtlich des Bahnhofs verfügte die Stadt über ein Vorkriegsprovisorium, das vom früheren Stadtdirektor Dr. Johannes Dahme in einem Schreiben an die Reichsbahndirektion Hannover im Jahre 1947 als „elende Bretterbude“ bezeichnet wurde. Für eine vorwärtsstrebende Stadt dürfe, so Dahme, die bauliche Situation nicht anerkannt werden. Unterschiedliche Ansichten von Volkswagenwerk, Bundesbahn und Stadt in der Standortfrage verzögerten den Baubeginn vom neuen Bahnhofsgebäude.

Das Volkswagenwerk war stark am baldigen Beginn der Bauarbeiten für das Bahnhofsprojekt interessiert, weil in den 1950er Jahren noch ein großer Teil der Werksbeschäftigten mit der Bahn nach Wolfsburg einpendelte. Den Höchststand an Eisenbahnpendlern verzeichnete man 1955 mit täglich 5.780 VW-Beschäftigten. Nach intensiven Verhandlungen einigten sich Bundesbahn und Stadt über einen Vertrag zum Ausbau der Bahnanlagen. Hierzu zählten der Neubau vom Bahnhofsgebäude, der Neubau eines Bahnsteigtunnels, der Neubau der erforderlichen Bahnsteige, die Anpassung der Gleise und die Installation der Signaltechnik. Die Gesamtkosten betrugen 4,5 Mill. DM. Bereits in diesem frühen Stadium war die spätere Errichtung eines Hotels und eines Kinos westlich des Bahnhofsgebäudes vorgesehen.

In dem am 13. Mai und 18. Mai 1955 unterzeichneten Vertrag mit der Bundesbahn wurden auch die Verpflichtungen der Stadt geregelt. Diese umfassten unter anderem den Bau der Verkehrsanlagen zum Anschluss an den Bahnhof wie Bahnhofsvorplatz, Zufahrtstraßen und die Berliner Brücke. Auch finanziell griff die Stadt der Bundesbahn unter die Arme, indem ein zinsloses Darlehen für die Erstellung der Bahnanlagen i.H.v. zwei Mill. DM gewährt wurde. Über einen Zeitraum von 15 Jahren nach Inbetriebnahme des Bahnhofs hatte die Bundesbahn die Tilgung zu leisten. Die Schlussrate war 1972 fällig. Diese finanzielle Förderung des Projektes seitens der Stadt führte zur beschleunigten Umsetzung des Bahnhofsbaus. In seiner Sitzung am 20. Mai 1955 sanktionierte der Rat der Stadt dieses Vertragswerk. Als Archivalie des Monats dient eine beglaubigte Abschrift des Vertrages in einer Akte des Stadtplanungsamtes (HA 6988).

Abstimmungsschwierigkeiten in der Standortfrage führten dazu, dass erst im Frühjahr 1956 mit dem Bahnhofsbau begonnen werden konnte. Nach einer Bauzeit von sechs Monaten wurde der Bahnhof provisorisch in Betrieb genommen. Voll funktionstüchtig war der Bahnhof erst mit dem Beginn des Sommerfahrplanes 1957. Prominentester Gast bei der feierlichen Eröffnung am 26.08.1957 war Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm. Nach der Einweihung der Berliner Brücke einige Monate zuvor, zeigte Seebohm zum zweiten Mal bei einem Wolfsburger Großprojekt sein Interesse an der Entwicklung der Stadt und dem Aufschwung des Volkswagenwerkes. Zum Zeitpunkt der Bahnhofseinweihung verkehrten 80 Personenzüge täglich über den Wolfsburger Bahnhof mit rd. 7.000 Nahverkehrsreisenden, vorwiegend VW-Pendler, und rd. 5.500 Interzonenreisenden. Der Güterverkehr wurde fast vollständig über den Nachbarbahnhof Fallersleben abgewickelt. Seebohm bezeichnete in seiner Ansprache den Bahnhof als „Aushängeschild Westdeutschlands in der Stadt des Volkswagens. Der alte Bahnhof habe weder der wirtschaftlichen Entwicklung dieses Werkes noch der Stadt und dem Verkehr ganz allgemein genügt, seitdem Wolfsburg Grenzkontrollpunkt im Interzonenverkehr geworden sei.“ In einem Pressebericht vom 29.08.1957 heißt es, „dass der neue Bahnhof so angelegt sei, dass er in der Lage ist, den nach der Wiedervereinigung anfallenden Durchgangsverkehr zu bewältigen“. Es dauerte immerhin noch über 30 Jahre bis sich dieser Wunsch erfüllen konnte.

In Folge der Inbetriebnahme der Schnellbahnstrecke Hannover-Berlin über Wolfsburg und Stendal wurde die Stadt im Jahre 1998 an das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn angeschlossen und bekam einen ICE-Halt. Seitdem liegt die deutsche Hauptstadt nur eine Stunde Fahrzeit mit dem ICE von Wolfsburg entfernt. Das Jubiläum „50 Jahre Bahnhof Wolfsburg“ nahm die Deutsche Bahn zum Anlass, im Jahre 2007 den Bahnhof mit der Bezeichnung „Hauptbahnhof“ aufzuwerten, zumal es mit dem Fallersleber Bahnhof eine zweite Haltestelle im Stadtgebiet gibt. Spiegelbild der dynamischen Entwicklung der Stadt ist auch die Frequentierung des Bahnhofs aktuell mit rd. 18.000 Reisenden täglich, die die Nahverkehrs- und Fernverkehrsangebote der Deutschen Bahn nutzen.

Text: Werner Strauß

Titelbild: Das neue Bahnhofsgebäude 1957

Foto: Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS), Stadt Wolfsburg – Quelle

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