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Bochum. PADI ist eine interkulturell bunt gemischte Trommelgruppe, bestehend aus deutschen und geflüchteten Drummern; das zeigt ein einziger Blick in die Runde.

Menschen vieler Erdteile sitzen hinter den fassförmigen, fast einen Meter hohen Congas und schlagen mit Handkanten und -ballen oder Fingerspitzen auf die Bespannung der traditionellen Instrumente. „Sie sind keine Anfänger“, erläutert Manfred Grunenberg, Leiter der städtischen Musikschule, der das Projekt seit Frühjahr ermöglicht, „sondern eher erfahrene Musiker.“ Sie spielen gemeinsam mit deutschen Musikern aus Bochum, Gelsenkirchen und Essen. Bandleiter ist ein Percussion-Profi: Uwe Kellerhoff, in Bochum unter anderem bekannt als Schlagzeuger vom „Tatort Jazz“.

Nahezu den ganzen Tag ist dieses Haus voller Klang und Gesang: die Musikschule Bochum am Westring. Mittwochs, wenn die Übungsnoten verstummt sind, es in den Büros ganz still geworden ist, beginnt das Herz der städtischen Musikschule im Keller zu schlagen. Langsam, stampfend, schneller. Mal laut, mal leiser. Dann probt PADI. Eine besondere Band. Denn „Percussion And Drums International“ probt Integration.

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„Ich bin hier nicht Lehrer, sondern Reiseleiter“, sagt Uwe Kellerhoff. Zwar gibt er den Einsatz vor, doch wie der Schlag aufgenommen, verändert und weitergegeben wird, weiß er nicht. Es geht reihum. Schon aus zwei Tönen macht die zehnköpfige Gruppe Musik. Eine klang- und kraftvolle Melange aus afrikanischen und kubanischen Rhythmen. Aus den Soli entsteht letztlich ein furioser Trommelwirbel.

Zwischen einzelnen Stücken gibt es technische Tipps. Uwe Kellerhoff zeigt, wie die Hand auf dem Fell – der Bespannung – immer „laufen“, in Bewegung bleiben muss. Dafür üben sie heute „Tabs“. Nach den hellen und dunklen „Stimmen“ ihrer Congas teilt sich die Gruppe, schlägt Tabs wie in einem Frage-Antwort-Spiel. Langjährige Trommelprofis wie Caetano Ruin und Richard Löffler verstehen wortlos, unterstützen ihre Bandkollegen, nehmen das Spiel auf und improvisieren, auch mal mit Sticks am Schlagzeug und an der Doppel-Tom – nebeneinander hängenden, zylindrischen Trommeln. Oft sind die Mitglieder ganz in der Musik. „Man kann loslassen“, beschreibt Boubacar Kamite Barry die Kraft der Trommeln. PADI lockt die Spieler aber auch aus anderen Gründen.

Vor allem die Flüchtlinge unter ihnen möchten reden. Nicht über den Weg nach Deutschland, nicht über die Irrwege bis Bochum. „Über das Leben hier“, sagt Charmeeli Melchizedek. Der neue Alltag besteht aus vielen Herausforderungen, manchmal auch Hürden. Die Sri Lankanerin wartet aktuell auf die Übersetzung ihres Abiturzeugnisses mit der amtlich korrekten Schreibweise ihres Namens. Wenn es vorliegt, wird ihr Schulabschluss hier wahrscheinlich als Mittlere Reife anerkannt. „Ich möchte damit eine Ausbildung als Erzieherin beginnen“, erzählt die 27-Jährige, die bei PADI-Auftritten gerne eine indische Ballade aus Bollywood singt – stilecht, im seidig glänzenden Sari mit breiter schmuckvoller Borte, wie eine Prinzessin aus tausend und einer Nacht. Ihr Alltag im Integrationskurs könnte von einem Leben im Palast nicht weiter entfernt sein. Seit zwei Jahren lebt sie hier.

Ihr Bandkollege Davoud Behnamnejad singt bei PADI ebenfalls von der Liebe. „Shanehayat heißt das bei uns, Shane bedeutet Schulter“, sagt der 28-jährige Iraner und lehnt seinen Kopf kurz erklärend an Charmeelis Schulter. Schmusemusik also. Volkstümlich. Der Song aus dem PADI-Repertoire ist gut zwanzig Jahre alt. Davoud Behnamnejad, der seit einem Jahr in Deutschland ist, probt auch einen kurzen persischen Rap mit PADI. Dabei darf das Baseballcap nicht fehlen. Verblüffend, wie viel jünger der Sänger so wirkt. Bevor er die Musik für sich entdeckte, galt er in seiner Heimat selbst als Entdeckung: auf dem Rasen. „Davoud war 2011 mit der iranischen U23-Mannschaft Asienmeister“, so Uwe Kellerhof. „Ich habe acht Jahre in der ersten Liga gespielt, zwei in der Nationalmannschaft“, erzählt der aktuelle Verteidiger vom SV Schwarzweiß Eppendorf 1935. Die nächste Probe wird er verpassen: ein Trainingscamp und die Hoffnung, die nächste Saison in neuen Farben zu spielen. Blauweiß. VfL.

Boubacar Kamite Barry möchte nach Abschluss der Heinrich-Böll-Gesamtschule am liebsten Bankkaufmann werden. „Mein Vater war Kaufmann, so auch mein Großvater“, berichtet der 18-Jährige, der vor 14 Monaten aus Guinea kam. Die Conga, ein anspruchsvolles Instrument, kann er mittlerweile unglaublich schnell spielen. Die Band ist ihm wichtig: „Ich lerne hier viel, finde das toll. Es macht Spaß.“ Stimmt, bei PADI lachen sie viel. Und reden. „Das Gesprächsbedürfnis ist groß“, weiß Uwe Kellerhoff. Er räumt dem Wunsch, sich auszutauschen, gerne Zeit ein – die Pause zur Probenmitte. Der Profi achtet darauf, dass die Musik als Gemeinschaftsaufgabe und -erlebnis ihren Raum hat. „Sonst würden sie nur reden“, scherzt er. Doch auch das hat die PADI-Gruppe neulich gemacht. Bei einem Picknick. Es war typisch regional. Und zugleich international. Wie PADI selbst.

Im September ist PADI gleich mehrfach in Bochum zu sehen und zu hören: Unter anderem treten sie am 4. September um 16 Uhr in der Hammer Kirche auf und am 11. September um 14 Uhr beim Bochumer Musiksommer.

Titelbild: PADI ist eine interkulturell bunt gemischte Trommelgruppe,
bestehend aus deutschen und geflüchteten Drummern.

Fotos: Stadt Bochum